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Mentalitätsgeschichte der zeitgenössischen Ökonomie.
Ein Kunstprojekt der Landia Stiftung

Anke-Sophie Meyer, Publizistin, Berlin 

Verstehen wir die Welt noch? 
Eigentlich eine Voraussetzung für den Souverän der Demokratie, den mündigen Bürger. Gefühlt nein. Oder? Und wenn, dann nur in winzigen Details, die gerade unser Fachgebiet sind. Eine Erkenntnis, die an all jenen zehren muss, die sich der kantischen Aufklärung verpflichtet fühlen nach dem Credo:
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Um so verdienter nimmt sich jeder Versuch aus, das, was unsere Welt ausmacht und bestimmt, zu analysieren, zu hinterfragen und dann erneut zusammenzusetzen. Wissenschaft versucht dies seit langem, ist jedoch oft wenig verständlich für nicht Eingeweihte. Wirklich spannend wird es aber, wenn Künstler dem L´ art pour l´art Prinzip entsagen und sich den Fragen dieser Zeit annehmen.

Die Künstlerin, Kuratorin und Gründerin der Landia Stiftung, versucht dies in einzigartiger, besonderer Art und Weise. Marina Landia hat Künstler eingeladen, das System „as a whole“ auszuloten und dies in einem Katalog zu dokumentieren. Ein Prinzip, das der Systemtheorie Nikolas Luhmanns folgt, ohne sich ausdrücklich darauf zu berufen. Als Eckpfeiler dieser Untersuchung zur Interaktion von Systemen und künstlerische Heimat könnte man die Prinzipien der Artist Placement Group (APG) bezeichnen. Artist Placement ist dabei ganz wörtlich zu nehmen: Der Künstler begibt sich in einen bestimmten, bewusst ausgewählten gesellschaftlichen Kontext.

Dies gilt auch für die fünf hier vorgestellten Künstler: Sie untersuchen die zentralen Spannungen und Mentalitäten unserer Zeit. Als da wären: das Ausgeliefert sein und das sich selbst Ausliefern an nicht zu durchschauende Machtgebilde, die Benennung des von der Politik Unausgesprochenen, undvon unpopulären Wahrheiten, die Egoismen eines gelebten Neoliberalismus, das Verschwinden eines humanistischen Weltbildes, das Umwelt und Menschenwürde bewahrt. Die Zufälligkeit eines in seinen Auswirkungen nicht vorhersagbaren Finanzkapitalismus.
Den hehren Anspruch der 70er Jahre Kunst, die Zentren der Macht durch eigene Reflektion zu beeinflussen und zu sozialem Wandel zu bewegen, wird im Jahre 2013 aufgelöst zu Gunsten einer puren Neugier die Mechanik der Macht zu verstehen. Etwas stark in sich Verwobenes wird aufgedröselt und offenbart so sein tieferes Wesen. Profitieren können davon viele: Denn es geht um einen Diskurs, der aus der Welt der Künstler und des Kunstmarktes hinausdrängt und diejenigen anspricht, die „in the very middle of the economic system“ agieren: Die Entscheider, die World Leader.
Für sie ist der rote Teppich ausgerollt. Es ist das Unausgesprochene ihres Kosmos, der mit künstlerischen Mitteln erforscht wird.  Ein Erkennen, ein Wiederentdecken, ein vielleicht neuer Blick auf die eigene Welt wird möglich. Die entscheidenden Fragen der Businesswelt werden erörtert, Fragen die alle beschäftigen und die keiner benennt. Funktionieren Börsenhändler ähnlich wie Ratten? Sind sie nur Rädchen im System, können sie aussteigen? Mit welchen Konsequenzen? Wie ist ihre Innenwelt beschaffen? Und so ist das Unternehmen der Kuratorin eine große Chance, ein köstliches Angebot, über den Tellerrand zu schauen und sein eigenes Milieu einmal aus der Vogelperspektive anzusehen. Und zwar ohne durch allzu plakative, anklagende Töne abgestoßen zu werden. Mit unvergleichlichem Entertainmentgewinn für den, der sich darauf einlässt. 

Nehmen wir etwa den Künstler und Geschäftsmann Michael Marcovici, der sich als eBay Händler profilierte, Insolvenz anmelden musste und heute als Fondsmanager arbeitet und mit Internet Domains handelt. Sein wohl spannendstes Kunstprojekt heißt „Rattrader“. Hier handeln darauf trainierte Ratten mit Devisen. Um die Ratten zu trainieren, wurde eine Box entwickelt, in der die Tiere lernen, sich wie echte Händler zu verhalten, den Markt zu analysieren und Entscheidungen zu treffen. Treffen sie die richtige Entscheidung, werden sie mit einem Bonus belohnt. Ist die Entscheidung nicht gut, erwartet die Tiere ein leichter Elektroschock. Schon nach kurzer Zeit zeichnet sich ab, welche Ratte die größte Trefferquote hat. Die Ratte Mr. Lehman trifft beim Kauf von Rohöl die richtige Entscheidung und erreicht eine  Erfolgsquote von 53,2 Prozent. In einem Video über einen österreichischen Finanzkanal behauptet Marcovici denn auch die Ratten seien bessere Händler als die Menschen, zumal sie nicht von psychischen Faktoren abhängig seien. Er suggeriert in dem Video, das seine Ratten längst im klassischen Finanzbusiness von Großbanken eingesetzt werden. Ein gespenstisches Szenario wird entfaltet, bei dem der Zuschauer nicht mehr genau unterscheiden kann: Sind wir in der Realität oder bewegen wir uns innerhalb eines Kunstprojektes. Aus streng wissenschaftlichen Erkenntnissen werden funktionsfähige ökonomische Handlungsweisen entwickelt. Ein gelungener künstlerischer Coup, der zeigt wie die Finanzwelt tickt. Der Optimierungsgedanke hat längst jede Form von ethischer Korrektheit ausgehebelt. Warum sollten nicht Ratten den Geldhandel betreiben, wenn dies effektiver ist. 

Ähnlich schockierend ist der künstlerische Ansatz von Karl Thorbergsson. Mit der nötigen Chuzpe versucht er in seinem Video, dem Publikum die Vorteile einer geringen Erderwärmung schmackhaft zu machen. Er möchte Äpfel in Island anbauen. Dafür wäre ein Temperaturanstieg von einem Grad äußerst hilfreich. Er habe mit seiner Apfelplantage bereits viel Geld verloren, weil viele Bäume erfroren seien. Auch Thobergsson setzt sich innerhalb seines künstlerischen Ansatzes über ethische Standards hinweg. Pfeift auf allewissenschaftlichen Erkenntnisse über die Erderwärmung, ihren Einfluss auf die Natur und das Leben mit dem Klimawandel. Er verfolgt konsequent seine persönlichen Interessen in der Jetztzeit, die nur ihm persönliche und seinen unmittelbaren Nachkommen Vorteile in Form von wirtschaftlichem Erfolg bringen. Zukünftige Generationen werden nicht mehr mitgedacht. Auch hier findet ein Paradigmenwechsel von den ethischen Prinzipien des Humanismus zu den Grundsätzen des Neoliberalismus statt. Er entwirft damit eine Argumentationsstringenz, wie wir sie tausendfach von Vertretern der Wirtschaft kennen. Eine Argumentationskette als Kunstform, die dem herrschenden System den Spiegel vorhält und die gängige Wirtschaftspraxis entlarvt.

In seinem Film „Timeless“ dokumentiert David Cross wie die Mechanismen des Neoliberalismus unsere Sicht auf die Realität prägen. Von der Aussichtsplattform des von Renzo Piano erbauten Shard, dreht er einen Film, der 29 Minuten und fünf Sekunden dauert und der sich mit der Veränderung des Wirtschaftsgefüges in London beschäftigt. „The shard is a sensor of London, reflecting its mood“, wie der Star-Architekt selbst formulierte. Cross selbst erklärt: „Der Film durfte nicht länger sein, denn sonst hätte ich eine andere Kamera benutzen und mehr Steuern bezahlen müssen.“ Steuergesetze bestimmen also menschliches Handeln. David Cross wirft die Frage auf: Wie frei sind wir noch? Er erzählt von Immobilienkäufen durch weltweit operierende Öl-, Gas - und Kohlebarone in London und kritisiert die Ausbeutung der Erdressourcen nach dem Motto „alles ist machbar“ und die Einflussnahme von Lobbyisten auf wissenschaftliche Gutachten, die die Auswirkung dieser Ausbeutung auf das Klima untersuchen. „Wir schlagen Bäume so schnell, dass sie nicht nachwachsen können, und fischen die Weltmeere leer, ohne das Fischschwärme sich regenerieren können und glauben, dass kann ewig so weitergehen.“ Kunst ist für Cross politische Analyse, ein Statement, ein Aufruf, die Augen aufzumachen, ein Kommentar zu Renzo Pianos Äußerung: „Ich habe nie verstanden, dass es Geld geben soll, das übel riecht und welches, das nach Parfüm duftet.“
Etwas subtiler geht Stephen Grainger vor. Er widmet sich der Frage, was ist ein Mensch Wert. „Wie viel Geld könnte ich verlangen, wenn ich eine Viertelstunde meiner Lebenszeit verkaufe,   Wie ist so etwas zu bewerten? Grainger entwirft ein Denkspektrum, das sämtliche Spielarten von Masochismus bis zu völliger Ohnmacht ermöglicht. Alles was der Mensch besitzt, auch seine Freiheit ist scheinbar veräußerbar und kann mit Geld bezahlt werden. Der Künstler greift hier die in Amerika und Großbritannien bereits durchaus verbreitete Idee auf, nachdem jeder seine Lebensversicherung veräußern kann. Ist der Verkäufer schwer erkrankt und damit die Wahrscheinlichkeit seines Todes höher, steigt der Profit des Käufers. Diskutiert wird hier das Geschäft mit dem Menschen als Handelsware.  Bei Krankheiten, erblicher Vorbelastung, hohem Stresslevel oder riskanten Hobbys:der Wert eines Menschen ist in Geld ausdrückbar.  Eine solche geistige Spielart des Neoliberalismus gibt jedes humanistische Menschbild der Lächerlichkeit preis. Der Verkauf von Körperteilen eines Menschen wird in Form eines Vertrages schriftlich vereinbart und bekommt etwas Amtliches. Es passt die Begrifflichkeit der Philosophin Hanna Arendt, die von der Banalität des Bösen spricht: Der Ausverkauf des Menschen wird juristisch legalisiert und daher des Gefühls der Unerhörtheit und Unerträglichkeit beraubt. So wird ein Horrorszenarium alltagstauglich und gehört von nun an in den Kanon der Normalität der menschlichen Existenz. Entstanden ist bei Grainger ein Kunstwerk als Idee, mit dem Stilmittel der Sprache.

Und dann wäre da noch die Video Kunst von Marina Landia selbst, Kuratorin und Gründerin der Landia Stiftung. Auch in ihrem neusten Video „Enjoy Business 5“ bringt sie eine viel gescholtene Spezies vor die Kamera, um ihnen Aussagen zu entlocken, die Seltenheitswert haben. Diesmal stellt nicht sie selbst die Fragen, sondern ein achtjähriges Mädchen, Tochter eines Wirtschaftsjournalisten, die den Ton von Börsenberichten seit ihrer Kindheit kennt. Ein geschickter Kunstgriff − einem Kind antwortet ein World Leader vermutlich ehrlicher als einem an unverbindliche, nichtssagende, systemkonforme Mitteilungen gewöhnter Erwachsener. Ihre erste Frage an die Top-Manager lautet: Verstehen Sie nach all den Turbulenzen die Systematik, nach der das globale Wirtschaftssystem tickt besser? Die Antworten der Entscheider sind verblüffend ehrlich. „Keiner durchdringt das ganz, jeder hat sein Fachgebiet oder? “, antwortet Merit Janow, Vorstandsvorsitzende der  NASDAQ. „Ich glaube nicht, dass Manager besser einschätzen können, was passiert ist als sonst irgendwer. Sie verstehen in erster Linie ihre eigene Branche“, formuliert Andrew Gould, ehemaliger CEO von Schlumberger. „Eine klassische Sanktion ist die Pleite, aber manches Unternehmen ist zu groß um Pleite zu gehen“ bilanziert Ewald Nowotny, Präsident der National Bank of Australia. Und Jürgen Großman, ehemaliger Vorstandsvorsitzender derRWE Deutschland, fügt etwas später hinzu: „Ich bin mir nicht sicher, ob wir die Krise gut gemeistert haben. Vielleicht hätte man nur bestimmte Produkte erhalten sollen und die Banken pleite gehen lassen.“ Etwas Positives kann Homaid Al Shemmari, CEO der Mubadala Aerospace, Vereinigte Emirate, der Krise abgewinnen: „Die weltweite Businesslandkarte hat sich verändert. Die Menschheit brauchte diese Krise, um zu sehen, dass die westliche Welt nicht alles kontrolliert.“
Es gehört zum künstlerischen System von Marina Landia, die Entscheider dieser Zeit nicht mit Wort oder Bild bloßzustellen. Eine wütende, groß angelegte Demaskierung oder ein Bashing wie es an Stammtischen und in den Medien nach der Lehman-Pleite zu hören war, ist nicht intendiert. Auf manipulative Schnitte, unvorteilhafte Kameraführung zum Nachteil des Gefilmten, wird verzichtet. Mit der Technik einer Analytikerin, der Gegenübertragung, spürt Landia in den Antworten der Gefragten das auf, was sie für die wesentlichen Aussagen dieser Zeit hält. „Ich schaue mir das Interviewmaterial so lange an bis ich es fast auswendig kenne. Ab einem bestimmten Moment fühlen sich einige Aussagen anders an, als die Restlichen. Sie räsonieren mit den Fragestellungen und Dilemmas, die in der Luft liegen, aber bisher nach meiner Empfindung ohne Antwort geblieben sind“. Aus den auf diese Art und Weise ausgewählten Sequenzen konstruiert Landia dann eine Auseinandersetzung zwischen den Projektteilnehmern, die so in Wirklichkeit nicht stattgefunden hat. Sie schafft einen fiktiven Diskurs, der in der Realität Mangelware, in der Demokratie aber dringend notwendig ist. Auf einzigartige Weise schreibt sie so, zusammen mit den anderen hier präsentierten Künstlern, eine Mentalitätsgeschichte des zeitgenössischen Wirtschaftssystems
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